SketchUp 2027.0 ist seit dem 21. Oktober erschienen und bringt die größte Änderung an der Kernmodellierung seit Jahren: Mit „Procedures" werden vertraute Werkzeuge wie Follow Me und Solid Tools erstmals nicht-destruktiv. Dazu kommen eine spürbar schnellere Hidden-Line-Darstellung, ein komplett überarbeiteter Mac-Client auf Qt-Basis sowie zahlreiche Verbesserungen beim Austausch mit DWG, IFC und USD. Ein Überblick über die Neuerungen – und wo sie in der Praxis wirklich etwas bringen.
Procedures: Modellieren ohne Rebuild
Bisher bedeutete jede nachträgliche Änderung an einer Push-Pull-Form, einem Follow-Me-Sweep oder einer Boolean-Verknüpfung meist: Geometrie löschen und neu aufbauen. Mit Procedures bleiben diese Operationen jetzt editierbar. Das Eingabeobjekt (Pfad, Profil, Solid-Auswahl) lässt sich jederzeit ändern, das Modell aktualisiert sich automatisch – ohne neues Werkzeug und ohne neue Denkweise, da die bekannten Befehle einfach erweitert wurden.
- Copy Along (neu): Ein nativer Pfad-Array für Gruppen und Komponenten – „Follow Me, aber für Objekte". Platziert z. B. Zaunpfosten, Geländerstäbe, Fassadenpaneele oder Fensterreihen entlang einer Kurve, der Abstand bleibt danach über Entity Info > Controls nachträglich justierbar. Bisher brauchte man dafür Drittanbieter-Erweiterungen für Pfad-Arrays.
- Follow Me mit mehreren Profilen: Ein Sweep kann jetzt mehrere Profile entlang eines einzigen Pfads innerhalb einer Gruppe führen – praktisch für eine mehrschichtige Wand (Tragwerk, Dämmung, Verkleidung) aus einem einzigen Sweep statt drei einzeln modellierten Schichten. Ändert sich später der Wandaufbau, reicht die Anpassung des Profils.
- Solid Tools, jetzt prozedural: Boolesche Operationen (Vereinigen, Subtrahieren, Schneiden) akzeptieren jetzt auch verschachtelte Solids bzw. ganze Solid-Sammlungen ohne Vorbereitung und bleiben nachträglich editierbar. Wichtig für BIM-nahe Workflows: Klassifizierung und Metadaten des Zielobjekts bleiben erhalten – eine als IFC-Wand klassifizierte Gruppe bleibt nach dem Schnitt eine IFC-Wand, statt die Zuordnung zu verlieren.
Zur Orientierung: Eine gepunktete Bounding-Box kennzeichnet prozedurale Objekte im Modell, eine Live-Vorschau zeigt Änderungen während der Bearbeitung, und „Explode to Inputs" entfernt die Procedural-Verknüpfung, falls man zur klassischen, destruktiven Geometrie zurück möchte, ohne die Form zu verlieren.
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AutoFit Live Components
Live Components lassen sich jetzt per Drag-and-drop direkt auf eine Fläche ziehen und passen ihre Größe automatisch an die Zielfläche an – auch an Flächen mit Löchern, etwa eine Fensteröffnung in einer Wand. Bisher mussten Maße manuell eingetragen oder über Schieberegler angepasst werden, um eine Live Component auf eine bestehende Fläche zu bringen. Ein neues Achsen-Werkzeug erlaubt zusätzlich, die Ausrichtung beim Platzieren direkt festzulegen.
Section Fill Hatches: Schraffuren statt Einheitsfarbe
Schnittflächen zeigten bisher nur eine einheitliche Füllfarbe – unabhängig davon, ob dahinter Beton, Mauerwerk oder Dämmung steckt. SketchUp 2027 bringt echte Schraffurmuster für Schnittflächen aus einer Standardbibliothek grafischer Muster oder aus eigenen Bildern/.PAT-Dateien. Hatches lassen sich direkt mit einem Material verknüpfen: Füllt man ein Objekt mit einem Ziegel-Material, wird beim Schnitt automatisch die passende Ziegel-Schraffur verwendet. Verwaltet wird das über das neue Hatch-Patterns-Panel, Entity Info oder das Styles-Panel; die Option „Override Section Fill by Style" schaltet zwischen einheitlicher Klassik-Füllung und objekt- bzw. materialbezogenen Mustern um. Für technische Schnittzeichnungen, in denen Materialien erkennbar bleiben müssen, ist das ein direkter Qualitätssprung.
Dokumentation: spürbar schneller, weniger Page-Zwang
Zweites großes Thema der Version ist die Geschwindigkeit bei der Planerstellung in LayOut:
- Hidden Line Rendering (HLR) Optimierung: Eine neue HLR-Engine reduziert die Zeit zur Erzeugung von Vektorlinien bei komplexen Modellen deutlich und verbessert gleichzeitig PDF-/DWG-Exporte. Die Funktion läuft als Public-Labs-Feature standardmäßig aktiv, lässt sich in den Einstellungen aber auf die klassische Engine zurückstellen. Wichtig in der Praxis: Die neue HLR-Engine rendert aktuell nur die zugrunde liegende Geometrie, nicht die prozeduralen Procedures-Objekte selbst – bei intensiver Nutzung von Copy Along, Follow Me oder Solid Tools lohnt sich vor dem finalen Export ein Blick, ob Linienwerk und Modell noch übereinstimmen.
- Paperless Canvas (LayOut): Ein neuer, papierloser Zeichenmodus für maßstabsgerechte 2D-Pläne direkt im Modellmaßstab 1:1 – ohne vorher eine Seitengröße festlegen zu müssen. Beim Verlassen des Modus wird das Ergebnis automatisch in eine Scaled-Drawing-Gruppe mit Standardmaßstab (Vorgabe 1:50 metrisch, konfigurierbar) überführt. Praktisch für frühe Entwurfsskizzen, bei denen die spätere Blattgröße noch offen ist.
- Viewport Image Adjustments (LayOut): Deckkraft, Helligkeit/Kontrast sowie Farbton/Sättigung lassen sich jetzt direkt und nicht-destruktiv an Viewports und eingefügten Bildern einstellen – inklusive kompletter Entsättigung. Der bisherige Umweg über Photoshop für kleine Bildkorrekturen vor der Abgabe entfällt.
UI/UX: ein SketchUp für Windows und Mac
SketchUp und LayOut laufen jetzt auf beiden Plattformen mit derselben Oberfläche, denselben Toolbars und Optionen. Grundlage dafür ist die Umstellung des Mac-Clients von Cocoa auf Qt – damit entfällt der bisherige Komfort- und Stabilitätsunterschied zwischen Windows und Mac. Neu sind außerdem andockbare Toolbars und Trays, eine überarbeitete Materialverwaltung und eine andockbare Ruby-Konsole. Der Outliner unterstützt jetzt zusätzlich zur Hierarchie-Ansicht eine Sortierung nach Tags. Bei der Arbeit mit mehreren Modellen (Multiple Document Interface) wurde das Verhalten beim Schließen angedockter, nicht-aktiver Modelle abgesichert, dazu gibt es bessere Vorschaubilder und Fenstersichtbarkeit für nicht angedockte Fenster.
Wichtig für Apple-Nutzer: SketchUp 2027.0 setzt durchgängig Apple Silicon voraus – die Unterstützung für Intel-Macs endet mit dieser Version. Wer noch auf einem Intel-Mac arbeitet, bleibt für Updates auf der 2026er-Linie.
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Interoperabilität: DWG, IFC/TrimBIM und USD
Für Büros, die regelmäßig mit anderen CAD- und BIM-Systemen austauschen, bringt 2027 mehrere konkrete Verbesserungen:
- DWG/DXF: Neue Steuerung für Tessellation, Import von Annotationen (Text, Bemaßung, Schraffur), automatische IFC-Klassifizierung aus CAD-Metadaten beim Import sowie wählbare 3D-Exportformate (SubD oder Polyface) statt eines fixen Formats.
- IFC und TrimBIM: TrimBIM erreicht jetzt denselben Funktionsumfang wie IFC – bisher war TrimBIM zwar leichtgewichtiger, bildete Outliner-Struktur, Tags und Datentreue aber inkonsistenter ab. Neu ist zudem der Import von SweptDiskSolid-Geometrie (z. B. Bewehrungsstäbe), der Export von IfcLamp und IfcOutlet, Tag-Optionen beim Import sowie CRS-Export über IfcProjectedCRS/IfcMapConversion für lagegenaue Modelle.
- USD: Erweiterte Unterstützung für USD, USDA, USDC und USDZ (vorher nur ein Dateityp) mit neuen Export-Optionen für Feature- und Texture-Level sowie Import-Optionen für Up-Axis, Einheiten und Kantensichtbarkeit – relevant für den Austausch mit Visualisierungs- und Rendering-Tools außerhalb von SketchUp.
Zusätzlich unterstützt „Add Location" jetzt Coordinate Reference Systems (CRS) für eine präzisere Geolokalisierung von Modellen.
Trimble Scan Essentials
Für die Arbeit mit Punktwolken wird die bisherige, schreibgeschützte RWP-Datenbank durch eine bearbeitbare SDB-Datenbank ersetzt; bestehende Projekte werden beim Öffnen automatisch konvertiert. Neu importierbar sind ReCap-Dateien (.RCP), Trimble TDX sowie Gaussian-Splatting-Daten (.PLY). Dazu kommen eine automatische Innen-/Außen-Klassifizierung, neue Segmentierungswerkzeuge und Unterstützung für Ruby 3.4 sowie Multiple Document Interface.
Für Entwickler: Breaking Changes
Wer eigene Ruby-Erweiterungen oder -Skripte einsetzt, sollte vor dem Update Folgendes beachten: Der eingebettete Ruby-Interpreter wurde von 3.2.2 auf 3.4.9 angehoben, native C-Erweiterungen müssen dafür neu kompiliert werden. Als deprecated markiert sind Sketchup::ModelObserver#onDeleteModel, #onEraseAll und UI.refresh_toolbars. Neu hinzugekommen sind APIs für Procedures, Hatch Patterns, CRS sowie Sketchup::Entities#add_copy, #bounds und Sketchup::AppObserver#onCloseModel – auch für C-Erweiterungen gibt es entsprechende neue Bindings. Mitgelieferte Komponenten wie OpenSSL (jetzt 3.5.6) und CEF (149) wurden ebenfalls aktualisiert.
Verfügbarkeit nach Edition
Die Procedures-Werkzeuge (Copy Along, Follow Me, Solid Tools) sowie AutoFit Live Components sind ab Pro aufwärts verfügbar; in SketchUp Go sind die prozeduralen Werkzeuge nur in der Web-Variante gegen Aufpreis nutzbar, nicht im kostenlosen Umfang. Dokumentations-Neuerungen wie HLR-Optimierung, Paperless Canvas und die Viewport Image Adjustments sowie sämtliche Interoperabilitäts- und UI-Verbesserungen sind ebenfalls ab Pro enthalten, in SketchUp Free und Go nicht. Scan Essentials bleibt Windows-exklusiv und ist ab Pro Scan aufwärts Teil der Lizenz.
SketchUp 2027.0 ändert an der gewohnten Bedienung wenig, hebt aber die Grenze dessen, was sich ohne Neuaufbau nachträglich ändern lässt, deutlich an – gerade bei sich wiederholenden Elementen und mehrschichtigen Bauteilen zahlt sich das in laufenden Projekten schnell aus. Wer regelmäßig mit IFC, DWG oder Punktwolken arbeitet, profitiert zusätzlich von den überarbeiteten Austauschformaten. Für die Umstellung auf Apple Silicon und den neuen Ruby-Interpreter lohnt sich vor dem Update ein kurzer Blick auf eingesetzte Erweiterungen.
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